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Samstag, April 05, 2014

innocent story #4 - Vernebeltes Selbst

Schon länger bin ich im Bahnhofsgebäude der großen russischen Stadt gefangen. Ich weiß nicht, wann ich sie hierhergelangt bin, aber ich beginne, mich mit der Situation zu arrangieren. Orientieren kann ich mich nur grob, meistens brauche ich zu lange, um den Ort zu finden, der mir gut täte. Ich verstehe die Stimmen des Bahnhofs nicht - weder die der Passagiere und Vorbeieilenden, noch die der Verkäufer, die sich schon gar nicht mehr über mein Umhergeirre wundern, sondern mir fettige, zuckerreiche oder ungesunde Dinge anbieten, die mir schaden. 
Auch die Zeitungsverkäufer treiben mich regelmäßig in den Wahnsinn, wenn sie mir 'Extrablatt' in die Ohren schreien und ich mit schreckerfüllten Augen die Schlagzeilen lese. Wenn ich in der Bahnhofshalle voller anderssprachiger Menschen aufgrund der Massen zu ersticken drohe und den Überblick verliere, weil ich die vielen Wegweiser, die sich vor mir auftun, nicht deuten kann und sie mich auch meistens nicht dahin führen, wo ich hinmöchte, gibt es die Möglichkeit, mich aufs Bahnhofsklo zu begeben, wo ich allein sein kann. Ruhige Ecken wie diese gibt es wenige bis keine, sodass ich mich eigentlich nie entspannen kann.
Es gibt auch Zeiten, zu denen die riesige Bahnhofshalle menschenleer drückende Stille in meine Ohren pfeift und ich, im Zentrum der Fläche stehend, mich noch verlassener als eh schon fühle. 
Folge ich hingegen dem alltäglichen Reiselärm, tragen mich meine Füße aufs Bahngleis, wo ich mich hin und wieder zwischen die Schienen lege und die Metallteile des Zug-Unterbaus mein Inneres zerfetzen lasse. Ich beanspruche dann die Hilfe vieler sonst unbeteiligter Menschen, die mich leidend an Höllenqualen am Leben halten. Schon den ein oder anderen Zug habe ich wegen meiner Desorientierung verpasst und vielleicht sogar davonfahren sehen, unfähig und steinern, ihn auch zu betreten.
Oft genug jedoch setze ich mich in irgendwelche Züge, die mich nach einigen Stunden luxuriöser Einsamkeit in der russischen Taiga ausspucken, in der ich Tage auf den Zug zurück warten muss. Allein stehe ich dann dort, fühle mich genauso verlassen wie im menschenbedrängten Bahnhof und abhängig von grauen bleiernen Schlangen, die sich durch die Landschaft winden und Verirrten wie mir den Weg vorgeben. Wegzweigungen oder Wendestellen gibt es auch nicht. So wie dieses traurige Bild vom großen russischen Bahnhof stelle ich mir meine Gefühlswelt vor.

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